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Experten im Gespräch

Expertentalk:
Dr. Christian Garbe (Mitte) und
Dr. Andreas Brockmeyer (rechts) werden von Moderator Heinz-Günther Heygen (links) interviewt

Forschungsstandort Deutschland

Dr. Christian Garbe, Geschäftsführer, FIZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie GmbH und Dr. Andreas Brockmeyer, Leiter Standortansiedlung, Infraserv Höchst im Interview mit Moderator Heinz-Günther Heygen vom hr4, welches auf der Achema 2006 geführt wurde:

Frage 1 an Herrn Dr. Garbe


"Der Forschungsstandort Deutschland hat Risse bekommen", ist die Aussage einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages vom letzten Jahr. Ist es tatsächlich so pessimistisch um den Forschungsstandort Deutschland bestellt?

Forschung ist für ein Land wie Deutschland von zentraler Bedeutung für Wettbewerbsfähigkeit. Auch wenn daran gezweifelt wird – Deutschland ist weiterhin ein hervorragender Forschungsstandort. Voraussetzung ist jedoch, ein Umdenken in mehreren Ebenen. Forschung ist eben nicht nur Forschung im Elfenbeinturm; Forschung muss sich an den Zielen des Marktes und der Anwendungen orientieren. Forschung kann nicht Stand-alone erfolgreich sein; Forschung muss sich im Netzwerk von Hochschulen, forschenden Unternehmen und produzierenden Unternehmen entwickeln.

Frage 2 an Herrn Dr. Brockmeyer


Der Industriepark Höchst ist ja einer der großen Produktions- und Forschungsstandorte in Europa. Wo sehen Sie das angesprochene Netzwerk?

Im Industriepark Höchst forschen und produzieren viele Unternehmen, auch einige der größten Konzerne in ihrer Branche. Was in der Vergangenheit fehlte, ist eine Infrastruktur für kleinere und mittlere Unternehmen, um dieses Netzwerk aufzubauen. Um der Entwicklung den Übergang in die  Produktion darzustellen, muss ein Forschungsstandort Deutschland diese Netzwerke aufbauen. Ein Beispiel ist dabei die Region Rhein-Main, in der heute die Universität Frankfurt, kleine und mittlere forschende Unternehmen und der Industriepark Höchst einen holistischen Ansatz gehen: Ziel ist, sich gegenseitig zu ergänzen und den Unternehmen die Plattform für ihren erfolgreichen Ausbau zu bieten.

Frage 3 an Herrn Dr. Garbe


Welche Rolle können dabei Forschungs-Cluster wie das FIZ übernehmen, um den Forschungsstandort Deutschland aktiv nach vorne zu bringen?

Zwei wichtige Punkte sind es, die den Forschungsstandort Deutschland vorwärts treiben: Erstens eine kommerzielle Zielsetzung in den forschenden Unternehmen; zweitens die Bereitstellung einer exzellenten Infrastruktur, damit die kleinen und mittleren forschenden Unternehmen Effizienzpotenziale ausschöpfen können. Gerade hier in Frankfurt kann der Schritt von der Idee zur Kommerzialisierung durch die Integration in den Verbund der produzierenden Unternehmen erleichtert werden. Auch die Infrastruktur hält Schritt: die kleinen und mittleren forschenden Unternehmen haben einen großen Bedarf an exzellenten Laborflächen. Diese müssen durch eine intelligente Gebäudeinfrastruktur wie im FIZ bereitgestellt werden, die mit den Unternehmen „atmet“, sich also weiterentwickelt.

Frage 4 an Herrn Dr. Brockmeyer


Wie kann die optimale Infrastruktur für einen erfolgreichen Forschungsstandort Deutschland erreicht werden?

Das „Produkt“ Forschungsstandort muss das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit von Forschungsclustern und produzierenden Unternehmen sein. Für Unternehmen der Chemie-, Pharma- und Prozessindustrie bietet z.B. der Industriepark Frankfurt-Höchst optimale Bedingungen für den Betrieb anspruchsvoller Anlagen:  gewachsene Infrastruktur, leistungsfähige Verbundsystem, optimale Verkehrsanbindung. Die Infrastruktur wird vom Standortbetreiber Infraserv Höchst den zukünftigen Anforderungen entsprechend weiterentwickelt, um den Geschäftserfolg für die Unternehmen im Industriepark zu gewährleisten. Darüber hinaus transferieren wir auch unser Wissen, um  Infrastrukturen wie im FIZ mit planen und weiterentwickeln.

Frage 5 an Herrn Dr. Garbe


Welche Rahmenbedingungen fördern einen Forschungsstandort Deutschland?

Wenn Deutschland ein Forschungsstandort mit Zukunft sein will, und wenn die Unternehmen erfolgreich sein wollen, sind Veränderungen notwendig: Erstens muss die wirtschaftliche Grundlage von Unternehmen sichergestellt werden durch einer Neuorientierung im Steuerbereich. Zweitens muss die Forschung auch im Arbeitsrecht liberalisiert werden, z.B. durch Aussetzung bzw. Flexibilisierung der Regelungen des Arbeitszeitgesetzes. Globale Unternehmen bauen Forschungskapazitäten in Europa auf; Deutschland und auch Frankfurt muss wieder Heimat für solche Forschung werden. Von der Grundlagenforschung über Prototypen hinein in die Produktion müssen auch die Manager den Mehrwert ihrer Produkte erkennen und generieren. Dazu bedarf es auch eines Rückkopplungsprozesses von der Industrie in die Wissenschaft: Ideen aus kleinen und mittleren forschenden Unternehmen müssen die Wissenschaft wachrütteln.

Frage 6 an Herrn Dr. Garbe


Welche unternehmenspolitischen Handlungsempfehlungen sehen Sie, um den Forschungsstandort Deutschland vorwärts zu bringen?

Problemfelder in den Unternehmen sind sicherlich Kostenexplosion und geringe Produktivität. Ich muss ein fundiertes Risiko- und Portfoliomanagement einführen. Eine teilweise starke Innenperspektive und falsch verstandenes Konkurrenzdenken lähmen Unternehmen. Kooperative Netzwerke und umfassende und flexible Patentstrategien müssen gezielt entwickelt und etabliert werden. Mangelnde Kommerzialisierbarkeit von Ergebnissen der Grundlagenforschung und Konkurrenz von Generika werden immer wieder beobachtet. Hier müssen Unternehmen Marktnähe zeigen mit Konzentration auf ihre spezifischen Kompetenzen sowie eine duale Markenstrategie und Markenpolitik entwickeln. Und Investitionen werden wegen Kapitalmangel zurückgehalten, es besteht ein Konflikt zwischen Wunsch der Forscher und kaufmännischer Vernunft. Hier müssen auch innovative Formen der Kommerzialisierung entwickelt werden: der Kapitalmarkt wird in Deutschland bei weitem nicht so in Anspruch genommen wie in den USA. Und schließlich eine professionelle Unternehmenskommunikation, die dem Unternehmen einen erfolgreichen Marktauftritt schafft.

Frage 7 an Herrn Dr. Brockmeyer


Welche Vorteile bietet eine Region wie Frankfurt dem Forschungsstandort Deutschland?

Frankfurt bietet mit dem FIZ und dem Industriepark Höchst ein wirtschaftlich orientiertes Konzept: maßgeschneiderte Dienstleistungen für erfolgreiches Life Science Business. Ein starkes Kompetenz-Netzwerk durch die enge Vernetzung mit internationaler Pharma-, Chemie- und Biotechbranche sowie der Finanzwelt. Im FIZ eine vielfältige Mieterstruktur, im Industriepark Höchst erfolgreiche Unternehmen. Ein wichtiger Standortvorteil ist Frankfurt als internationale Business-Drehscheibe FrankfurtRheinMain mit direktem Zugang zur Wissens-, Kapital- und Verkehrsinfrastruktur in Europa.

Frage 8 an Herrn Dr. Garbe


Forschende Unternehmen gibt es nicht immer neue, Sie beide sprechen ja vielleicht auch die gleichen Unternehmen an. Wie sieht die Wettbewerbssituation im Cluster zwischen FIZ und dem Industriepark Höchst aus?

In einem Cluster wie Frankfurt mit FIZ und Industriepark Höchst darf keine Wettbewerbssituation entstehen, sondern beide Partner müssen sich sauber profilieren und gemeinsam nach außen darstellen: das FIZ spricht nicht nur Startups an, sondern kleine Unternehmen, die den Anschluss an die Universität suchen. 70% der Innovationen finden in existierenden Unternehmen statt. Diese Unternehmen expandieren über einen Zeitraum von fünf Jahren und gehen dann mit Produktionsanteilen in den Industriepark Höchst. Die Forschung wird im FIZ weiter etabliert, denn die Nähe zur akademischen Forschung ist ein wichtiger Faktor. Mit diesem Konzept stehen optimale Bedingungen für Wachstum zur Verfügung: Skalierbarkeit und Produktion im Industriepark Höchst, neue Wirkstoffe im FIZ. Dieses Konzept kann in der Region Frankfurt mit wachsenden Unternehmen erfolgreich gezeigt werden.

Frage 9 an Herrn Dr. Brockmeyer


Wie können traditionelle Standort wie der Industriepark Höchst den Forschungsstandort Deutschland weiterentwickeln?

Deutschland ist einer der größten Standorte für Biopharmaprodukte, der viele kleine Unternehmen speist: Analysen, Auftragsforschung, Lohnproduktion. In der Symbiose mit Zentren wie das FIZ müssen diese traditionellen Standorte gemeinsam Konzepte entwickeln, um Forschung zum Erfolg zu tragen: Investitionen in attraktive Produkte ermöglichen, Risiko minimieren.

Frage 10 an Herrn Dr. Garbe


Wohin geht der Forschungsstandort Deutschland in Zukunft?

Der Forschungsstandort Deutschland ist gut und muss noch besser werden. Mit intelligenten Konzepten können die Erfolge entwickelt werden. Oder im Umkehrschluss: Wer die Forschung vernachlässigt, verbaut die Zukunft.

FIZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie

Das FIZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie verbindet am internationalen Standort FrankfurtRheinMain Menschen, Unternehmen und Know-how für marktorientierte Forschung und Innovation im Life Science Business. Schwerpunkte der internationalen Aktivitäten liegen auf den Indikationsgebieten Entzündungs- und Krebserkrankungen sowie Krankheiten des Zentralen Nervensystems (ZNS). Mit der Fokussierung auf ausgewählte Forschungsgebiete und dem Zusammenwirken theoretischer und angewandter Forschung hat sich das FIZ erfolgreich positioniert. Das FIZ bietet derzeit 12 Unternehmen 6.400 m² Labor- und Büroflächen. Mit dem zweiten Bauabschnitt wird das FIZ ab 2007 7.000 m² Fläche zusätzlich anbieten, dann werden ca. 300 Personen im FIZ tätig sein. Herr Dr. Garbe ist Geschäftsführer des FIZ.

Infraserv Höchst

Infraserv Höchst betreibt erfolgreich einen der größten europäischen Produktions- und Forschungstandorte: den Industriepark Höchst hier in Frankfurt. Der Industriepark Höchst ist ein innovativer Chemie- und Pharmastandort im Herzen Europas. Für forschende und produzierende Unternehmen bietet der Standort mit seiner gewachsenen Infrastruktur ideale Voraussetzungen. Mehr als 80 Unternehmen mit rund 22.000 Beschäftigten haben auf dem über vier Quadratkilometer großen Gelände einen optimalen Standort für ihr Unternehmen gefunden. Vom internationalen Konzern bis hin zum kreativen Dienstleistungsunternehmen: die Unternehmen im Industriepark profitieren von dem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Umfeld. Herr Dr. Brockmeyer ist verantwortlich für die Ansiedlung von neuen Unternehmen im Industriepark Höchst.


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